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Systematic Review

Die wissenschaftliche Methode Systematic Review erfasst und analysiert den aktuellen Forschungsstand zu einer Fragestellung, um eine verlässliche Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen zu schaffen. Die Universitätsbibliothek unterstützt Studierende und Forschende der TUM bei dieser systematischen Literaturrecherche durch individuelle Beratung und handfeste Tipps zum methodischen Vorgehen.

Was ist ein Systematic Review?

Ein Systematic Review oder auch: Systematic Literature Review ist eine eigenständige wissenschaftliche Methode, mit der sämtliche relevante Literatur zu einer Forschungsfrage systematisch recherchiert, bewertet und zusammengefasst wird. Ein Systematic Review wird idealerweise mit einem interdisziplinären Team durchgeführt. Für die Entwicklung der Literaturrecherchestrategie wird TUM-Angehörigen empfohlen, Informationsspezialistinnen und Informationsspezialisten der Universitätsbibliothek hinzuzuziehen. 

Ziel: Der aktuelle Forschungsstand soll dargestellt, mögliche Verzerrungen in bestehenden Untersuchungen identifiziert sowie Forschungslücken und weiterer Forschungsbedarf in Bezug auf die jeweilige Fragestellung aufgezeigt werden.

Dauer: Es ist von einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von 15 bis 30 Monaten auszugehen. 

Kennzeichen: 

  • Eine klar formulierte Forschungsfrage, z.B. nach PICO-Schema
  • Eine systematische Literaturrecherche mit eindeutigen Aus- und Einschlusskriterien
  • Eine detaillierte Dokumentation aller Schritte im Protokoll, z.B. nach PRISMA, PRISMA-S; häufig mit Registrierung wie bei PROSPERO
  • Die Bewertung der Validität der eingeschlossenen Studien – häufig mittels standardisierter Bewertungsinstrumente
  • Die systematische Darstellung und Synthese der Ergebnisse – entweder qualitativ oder quantitativ
  • Reproduzierbarkeit

Weitere Review-Typen

Narrative Review

Ein Narrative Review ist eine Übersichtsarbeit, die ein breites Themenspektrum abdeckt und ohne standardisierte Methodik durchgeführt wird. Die Suchstrategien und der Grad der Vollständigkeit können unterschiedlich ausfallen, da kein festgelegtes Protokoll eingehalten wird.

Ziel: Ersten Überblick über den Forschungsstand gewinnen und mögliche Hypothesen entwickeln.
Dauer: ca. 1 bis 12 Monate

Rapid Review 

Ein Rapid Review wendet zentrale Elemente von Systematic Reviews in vereinfachter Form an. 

Ziel: Innerhalb eines zeitlich stark begrenzten Rahmens eine Zusammenfassung der aktuellen Studienlage liefern, um schnell fundierte Entscheidungen – etwa zu Therapieoptionen – zu treffen.
Dauer: ca. 1 bis 3 Monate

Scoping Review 

Ein Scoping Review sammelt und kategorisiert systematisch den aktuellen Forschungsstand zu einem breiten Thema oder zu einer Reihe von Forschungsfragen. Dabei erfolgt teilweise eine kritische Bewertung. Im Unterschied zu Systematic Reviews geschieht das jedoch ohne eine Auswertung nach formalen Qualitätskriterien und ohne gezielte Synthese der Ergebnisse. 

Ziel: Forschungslücken und künftigen Forschungsbedarf identifizieren.
Dauer: ca. 6 Monate

Umbrella Review

Ein Umbrella Review bündelt die Ergebnisse mehrerer Systematic Reviews und Metaanalysen, die sich mit ähnlichen Fragestellungen befassen. Im Gegensatz zum Systematic Review ist die Fragestellung häufig deutlich weiter gefasst. 

Ziel: Umfassenden Überblick über die bestehenden Systematic Reviews und Metaanalysen gewinnen.
Dauer: ca. 3 bis 6 Monate

Metaanalyse

Eine Metaanalyse ist eine statistische Technik, um die Ergebnisse mehrerer Studien quantitativ auszuwerten. Sie baut häufig auf einem Systematic Review auf.

Ziel: Ergebnisse mehrerer Studien statistisch zu kombinieren, um belastbare Effektgrößen zu erhalten.
Dauer: abhängig von der Anzahl der im Systematic Review identifizierten Studien

Welche Review-Form sich am besten für Ihr Thema eignet, richtet sich nach der konkreten Zielsetzung und Forschungsfrage. Für einen ersten Überblick empfehlen wir folgende Informationsseiten:

Vorbereitung der Suche

Schritt 1: Entwicklung der Fragestellung

Die Entwicklung einer geeigneten Fragestellung ist die zentrale Vorbereitung der Suche. So können Sie vorgehen: 

  1. Eine Forschungsidee formulieren.
  2. „Scoping Searches“ durchführen (= unvollständige, oberflächliche Suche in wenigen Datenbanken, um ein Bild vom Umfang der aktuellen Forschung zur Forschungsidee zu erhalten).
  3. Erste Forschungsfrage entwickeln: Mit eigenen Worten die wichtigsten Aspekte beschreiben und daraus die Fragestellung ableiten. 
  4. Forschungsfrage anhand eines Frageschemas, wie z.B. PICO, konkretisieren:
Aspekt Erläuterung Beispiel
Patient Die wichtigsten Eigenschaften der Patientengruppe bzw. der Population Alter, Krankheitsbild/Zustand, Geschlecht
Intervention Die wichtigste Intervention bzw. Therapie Medikation, andere Behandlungsformen, diagnostische Tests und Überprüfungen
Comparison Die wichtigsten anderen möglichen Behandlungsformen Placebo, Standardtherapie, keine Behandlung, Goldstandard
Outcome Was Sie bewirken, messen, verbessern oder beeinflussen wollen verminderte Mortalität/Morbidität, verbesserte Gedächtnisleistung etc.
Studientyp (bei Bedarf) Das gesuchte Studiendesign Randomisierte kontrollierte Studie (RCT)

Weitere mögliche Frage-Schemata finden Sie in diesem Rapid Review von BMJ Glob Health

Nachdem die Forschungsfrage formuliert ist, werden die Ein- und Ausschlusskriterien definiert, um festzulegen, welche Studien in das Systematic Review einbezogen werden – noch bevor mit der Literatursuche begonnen wird. 

Mögliche – und sehr häufige – Ein- und Ausschlusskriterien:

  • Publikationstyp: z. B. Systematic Reviews, Metaanalysen, Zeitschriften mit bestimmtem Ranking, Artikel mit Peer Review
  • Studiendesign: z. B. Randomisierte kontrollierte Studien
  • Art der Population: z. B. Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen
  • Art der Intervention/Kontrollgruppe: Besonderheiten der Intervention
  • Art der Messung: z. B. Bestimmung der Laborwerte mit einer vorgeschriebenen Methode
  • Dauer/zeitlicher Kontext: z. B. Messzeitpunkt fünf Jahre nach der Diagnose, Publikationszeitraum

Schritt 2: Protokollregistrierung

Ein Protokoll schafft klare, strukturierte Rahmenbedingungen für das Systematic Review. Beim Verfassen eines Protokolls kann man sich an der PRISMA-P Checklist orientieren. Um doppelte Arbeit zu vermeiden und einen möglichst hohen Grad an Transparenz und Nachnutzbarkeit zu erreichen, sollte das Protokoll registriert werden. Idealer Zeitpunkt dafür ist, sobald die Fragestellung entwickelt ist, aber die Datenextraktion noch nicht begonnen hat. 

Mögliche Registrierungsplattformen: 

Name Schwerpunkt
PROSPERO Medizin, Gesundheitswissenschaften
OSF Registries
DoPHER
Research Registry
INPLASY
Campbell Collaboration Sozialwissenschaften
SearchRxiv Fachübergreifend

Schritt 3: Auswahl von Datenbanken und Plattformen

Die Auswahl einer geeigneten Datenbank oder Plattform richtet sich nach der konkreten Fragestellung und dem jeweiligen Fachgebiet. Eine erste Orientierung zu passenden Datenbanken bietet das Datenbank-Infosystem (DBIS)

Im Gesundheitsbereich können Sie außerdem RefHunter nutzen. Dieses Tool unterstützt Sie u. a. beim Vergleich von Funktionsweisen und Suchmöglichkeiten verschiedener Datenbanken. Zusätzlich empfiehlt sich eine Recherche in Studienregistern, um Informationen zu aktuell laufenden Studien zu erhalten, z.B. DRKS, ClinicalTrials.gov oder WHO ICTRP. 

Weitere ergänzende Recherchemöglichkeiten:

  • Durchsuchen von Repositorien
  • Recherche in spezifischen Fachzeitschriften 
  • Handsuche und graue Literatur, z. B. Preprint-Server, Dissertationen und Abschlussarbeiten, NGO- und Stiftungsberichte, Wissenschaftliche Spezialbibliotheken, Regierungs- und Behördenquellen

Schritt 4: Entwicklung von Suchbegriffen

Der Erfolg eines Systematic Reviews hängt in hohem Maße von der Auswahl der richtigen Suchbegriffe ab. Ziel ist es, eine möglichst vollständige, aber gleichzeitig präzise Trefferliste zu erzeugen. Wir empfehlen, zum Ermitteln von Suchbegriffen die Kombination aus Stichwörtern und Schlagwörtern zu verwenden. 

Stichwörter (Keywords)

  • Stammen aus Titeln, Abstracts und Autorenangaben
  • Bilden aktuelle Terminologie ab

Schlagwörter (Subject heading/Descriptor) / Thesauri von Datenbanken

  • Sichern Einheitlichkeit trotz unterschiedlicher Schreibweisen
  • Beispiele: MeSH (PubMed/Medline), Emtree (Embase), AGROVOC (Agris)

Auswahl hilfreicher Tools:

Tool

Nutzen

Datenbasis

PubReMiner

Häufigkeitsanalyse von Begriffen in PubMed-Treffern

PubMed

Yale MeSH Analyzer

Vergleich von MeSH-Terms in passenden Publikationen

PubMed

VOSviewer

Visualisierung von Keyword-Netzwerken

Unterschiedlich, oft Scopus/WoS

Voyant Tools

Textanalyse für Abstracts oder Volltexte

Input-spezifisch

SearchBuildR

Analyse von Keywords und Optimierung der booleschen Struktur

PubMed

Durchführung der Suche

Schritt 1: Erstellung einer Suchsyntax

Für den Aufbau einer Suchsyntax benötigen Sie boolesche Operatoren:

  • OR → erweitert die Suche, z.B. Synonyme, verwandte Begriffe, Abkürzungen
  • AND → schränkt ein und führt zu einer thematischen Schnittmenge
  • NOT → schließt aus, daher mit Vorsicht verwenden wegen Bias-Gefahr

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  • Zerlegen Sie Ihre Fragestellung in Aspekte
  • Identifizieren Sie zu jedem Aspekt so viele Synonyme, verwandte Begriffe und Abkürzungen wie möglich. 
  • Suchen Sie diese Begriffe in der Suchplattform der Datenbank erst einmal einzeln. Damit erhalten Sie schon einen ersten Einblick in die zu erwartenden Treffermengen und können Schreibfehler sofort identifizieren. 
  • Kombinieren Sie die Synonyme eines Aspekts mit OR zu Aspekt-Bündeln. (Aspekt A1) OR (Aspekt A2) OR (Aspekt A3)
  • Kombinieren Sie die Aspekt-Bündel mit AND. 
  • Prüfen Sie die Treffer.
Technik Funktion Beispiele*
Trunkierung Platzhalter für Wortstämme mit variabler Endung; deckt verschiedene Wortvarianten ab. Child* (findet z. B. child,  childrenchildhoodchildish*)
Maskierung Platzhalter für einen oder keinen zusätzlichen Buchstaben; deckt alternative Schreibweisen ab. wom?n (findet woman und women)
Phrasen­suche Sucht nach exakter Wortreihenfolge. "systematic review"
Abstands­operatoren Findet Wörter im inhaltlichen Zusammenhang; legt fest, in welchem Abstand die Begriffe stehen dürfen. child NEAR/3 obesity

*Achtung: Syntax ist abhängig von der Suchplattform.

Machen Sie sich vorab mit den Suchmechanismen und Funktionen der jeweiligen Datenbank vertraut. Im Hilfebereich der Suchplattform finden Sie die Syntax und in der Regel auch Beispiele.

Schritt 2: Iteratives Vorgehen im Suchprozess

Der Suchprozess verläuft in der Regel iterativ: entwickeln testen verfeinern. Wenn die Treffermenge nicht Ihren Erwartungen entspricht, können Sie beispielsweise folgende Maßnahmen ergreifen:

Treffermenge reduzieren

  • Unterbegriffe verwenden
  • In PubMed: Restrict to “Major Topic”
  • Filter/Limits nutzen, z.B. Publikationstyp, Alter, Mensch/Tier, Zeitraum
  • Phrasensuche
  • Operatoren wie AND oder Proximity-Operatoren einsetzen
  • Aspekt ergänzen

Treffermenge ausweiten

  • Hierarchisch übergeordneten Begriff wählen
  • Unterbegriffe mitsuchen, z.B. MeSH: explode
  • Möglichst viele relevante Suchbegriffe integrieren, z.B. MeSH + Stichwörter, Synonyme, Begriffe aus Treffern, weitere Sprachen
  • Inspiration über Wikipedia, Trefferlisten oder Chatbots einholen
  • Trunkierung und Maskierung verwenden
  • Abkürzungen und alternative Schreibweisen einbeziehen
  • Aspekt weglassen

Tipp: Unterstützung durch KI bei der Suche

Einen ersten Entwurf für eine Suchsyntax können Sie sich auch mithilfe einer generativen KI erstellen lassen. Tipps, wie Sie dabei am besten vorgehen, erhalten Sie in unserem Kompaktkurs Literaturrecherche mit KI.

Dokumentation der Suche

Eine systematische Suche muss gründlich, objektiv und wiederholbar sein. Daher ist eine genaue Dokumentation der Suche aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit unverzichtbar. Orientieren Sie sich bei der Dokumentation der Suche an Reporting Guidelines wie den PRISMA Standards.

Kurs

Aufbaukurs Literaturrecherche

Im Aufbaukurs Literaturrecherche – Wissenschaftliche Paper in Datenbanken zielsicher finden besprechen wir, wie eine effiziente Literaturrecherche in Datenbanken funktioniert. Ausgangspunkt ist eine gezielte Datenbankenauswahl und ein durchdachter Recherchestrategieplan, der Ihre Suche optimiert und präzise Ergebnisse liefert. Last but not least, zeigen wir Ihnen Wege, wie Sie auf wissenschaftliche Paper zugreifen. Ein solides Fundament für die erfolgreiche Recherche im Datenbank-Universum und Systematic Review!

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Support

Wir freuen uns darauf, Sie bei Ihrem Systematic Review zu begleiten. Unser Angebot umfasst:

  • Feedback zu Ihrem Recherchestrategieplan
  • Auswahl geeigneter Datenbanken und Portale
  • Beratung zum Einsatz fortgeschrittener Suchtechniken
  • Hilfe beim Volltextzugang 
  • Hinweise auf weitere Services wie Literaturverwaltung und Zitieren 

Vereinbaren Sie eine individuelle Sprechstunde oder kontaktieren Sie uns unter:

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